Monokulare Sehweise

Betrachtet man den Schädel eines Pferdes, so fällt auf, dass sich die Augen, anders als etwa bei Katzen, Hunden oder auch dem Menschen, seitlich am Kopf befinden. Dadurch ergibt sich hinsichtlich des Sehfeldes und der damit verbundenen Wahrnehmung eine Besonderheit, die wir uns im Umgang mit dem Pferd stets vor Augen halten sollten:

Das Pferd empfängt – zumindest im Nahbereich – mit jedem Auge ein anderes Bild seiner Umgebung. Diese Sehweise bezeichnet man in der Wissenschaft als „monokulare Sehweise“!

In der freien Wildbahn muss das Pferd – in seiner Eigenschaft als Beutetier – Strategien entwickeln, die ihm einen Überlebensvorsprung sichert. Vereinfacht gesagt schauen Pferde mit dem einen Auge, wo das Raubtier ist, mit dem anderen Augen schauen sie, wohin sie flüchten können … Wir Menschen müssten uns aufgrund der Anordnung unserer Augen mit Beiden gleichzeitig nach dem Raubtier umschauen und würden dabei in unserer Bewegungsrichtung gegen den nächsten Baum laufen.

Die monokulare Sehweise ist zwar sehr erfolgreich für ein Fluchttier, aber sehr nachteilig, wenn das Pferd als Reittier genutzt wird. Und zwar immer dann, wenn das Pferd durch seine einseitige Sehweise in eine einseitig orientierte Situation gerät.
Wir beobachten bei Pferden sehr häufig, dass die linke Körperseite unter dem Reiter relativ gut eingesetzt werden kann, wohingegen die rechte Seite die vom Pferd schlechter wahrgenommene ist. Weil das Pferd mit dem rechten Auge in mehr oder weniger passiver Form überwiegend den Fluchtweg erfasst – weswegen wir dieses Auge auch als das „Fluchtauge“ bezeichnen -, ist auch die Bewegungswahrnehmung der rechten Körperseite weniger ausgeprägt als die Wahrnehmung der linken Körperhälfte. Das sogenannte „Sicherheitsauge“, also das linke Auge, betrachtet hingegen sehr aktiv alles, was für das Pferd wichtig ist und speichert  dieses Bild in der rechten Hirnhälfte ab.

Wir kennen alle diese Geschichte:
Linker Hand ist eine Parkbank und das Pferd geht daran ohne Probleme vorbei. Wir kommen auf demselben Weg zurück und das Pferd benimmt sich, als ob es diese Parkbank noch nie gesehen hätte. Was aber hinsichtlich der monokularen Sehweise auch richtig ist, denn mit dem rechten Auge, also in der linken Gehirnhälfte, befindet sich das Bild der Parkbank nicht.  Für das Pferd ist also die Parkbank aus dieser Perspektive befremdlich. Und alles was man nicht kennt, könnte ja ein Raubtier sein …